Büro gegen Herde getauscht: Wie eine 42-Jährige als Wanderhirtin den Winter mit 700 Schafen meistert
Vom Büro zur Herde: Eine Frau führt 700 Schafe durch den Winter
In der Schweiz hat Sarah Müri ihren Schreibtischleben gegen die Weite der Landschaft eingetauscht. Die 42-jährige Wanderhirtin beginnt ihre Tage weit vor Sonnenaufgang und bleibt bei der Herde, bis Mond und Sterne den Himmel füllen. Rund 700 Schafe folgen ihr über Felder und durch kühle Morgennebel, während sie die tägliche Sorge um Futter, Gesundheit und Wege übernimmt.
Die Entscheidung zur Veränderung war kein Fluchtakt, sondern eine Rückkehr zu einem Rhythmus, der zu ihr passt. Aufgewachsen in einer Blockwohnung und jahrelang im Büro als Vermessungszeichnerin tätig, spürte sie zunehmenden Druck, neun bis fünf einem Pensum hinterherzuarbeiten. Heute sagt sie: «Hier draußen aber bin ich ganz bei mir, ich kann meine Gedanken ordnen und die nächsten Schritte des Tages planen.»
Feiertage und Sonntage kennt das Leben als Wanderhirtin kaum. Ein guter Tag für Müri endet, wenn alle Tiere zufrieden sind: «Ein guter Tag endet für mich damit, dass alle zufrieden und satt sind.» Viele Stunden verbringt sie allein mit zwei Hunden an ihrer Seite, die Herde um sie herum. Einsamkeit empfindet sie nicht als Mangel, eher als Gegenpol zu belebten Orten, wo sie sich früher fehl am Platz fühlte.
Das Traditionelle dieser Arbeit hat in den Regionen einen festen Platz: In der Schweiz ziehen im Winter mehrere Dutzend Wanderhirten mit ihren Herden durch Mittelland und Jura. Die Tätigkeit verlangt keine verpflichtende formale Vorbildung, wohl aber Erfahrung im Umgang mit Tieren, körperliche Belastbarkeit und die Bereitschaft, viel Zeit draußen zu verbringen. Für jene, die eine Ausbildung anstreben, gibt es modulare Angebote, die Praxisphasen einschliessen und mit einem Zertifikat abschliessen.
Für Müri ist das Leben mit der Herde keine romantische Flucht, sondern eine Arbeit mit klaren Ansprüchen und tiefgehender Zufriedenheit. Die Routine ist streng, die Verantwortung hoch, doch die Belohnung liegt in der Selbstbestimmtheit und dem direkten Kontakt zur Natur, der ihr früher im Büro verwehrt blieb.
Hintergrund: Wanderhirten hüten im Winterhalbjahr Schafe und Lämmer auf saisonalen Routen oder weiden sie in wärmeren Monaten auf Alpwiesen. Eine typische Besetzung umfasst einen Hirt mit bis zu zwei Hunden, der eine Herde von mehreren hundert Tieren betreut.