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Gefühle im Büro: Zwischen Authentizität und Professionalität

29. März 2026

Emotionen gehören zum Berufsalltag und lassen sich bewusst steuern

Oestrich-Winkel/Stuttgart — Wut, Erleichterung, Tränen: Emotionen begleiten Arbeitstage genauso wie To‑dos und Deadlines. Oft gelten starke Gefühlsäußerungen als unprofessionell. Doch Fachleute betonen, dass nicht das Erleben von Gefühlen das Problem ist, sondern der unreflektierte Umgang damit.

Psychologin und Leadership-Professorin Myriam Bechtoldt erklärt: «Positive Emotionen können uns gut energetisieren und unsere kognitive Flexibilität fördern. Sie erhöhen Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit und erleichtern es, neue Zusammenhänge zu erkennen.» Auch im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen und bei Entscheidungen spielten Gefühle eine zentrale Rolle. Negativ wirkten Emotionen vor allem dann, «wenn wir uns unbewusst von ihnen beeinflussen lassen», so Bechtoldt weiter. Stimmungen färben Wahrnehmung und Erinnerung und können damit Entscheidungsprozesse verzerren.

Die Coachin Annette Auch-Schwelk verweist darauf, dass die Wirkung von Gefühlsäußerungen stark vom Kontext abhängt. «Ein leidenschaftlicher Trainer wird oft als energetisch wahrgenommen, ein aufbrausender Vorstand jedoch verliert Souveränität.» In unserer Arbeitskultur herrsche eine ambivalente Erwartung: Einerseits sollten Personen professionell und sachlich wirken, andererseits werden vollständig emotionsfreie Menschen als unsympathisch empfunden.

Wer das richtige Maß finden will, sollte laut den Expertinnen zuerst sich selbst beobachten: Wann tritt welches Gefühl auf, wie häufig und welche Auslöser gibt es? Bechtoldt betont die Bedeutung der Differenzierung: «Es ist ein Unterschied, ob ich wütend oder frustriert bin; unterschiedliche Gefühle brauchen unterschiedliche Strategien.»

Praktische Strategien für den Umgang mit starken Emotionen sind vielfältig. Kurzfristig helfe oft körperliche Stabilisierung: Sich setzen, beide Füße fest auf den Boden stellen und, wenn möglich, den Rücken an eine Lehne oder Wand lehnen, um das Körpergefühl zu beruhigen. Bewusstes, langsames Atmen reduziert die Erregung. Wer Wut spürt, kann durch kurze Bewegung reagieren; bei Ängsten hilft oft das Gespräch mit einer vertrauten Person. Bechtoldt rät zudem, impulsive Reaktionen zu vermeiden: Wenn möglich, kurz den Raum verlassen und einen Abstand zwischen Gefühl und Handlung schaffen.

Professionalität verstehe sie nicht als Emotionslosigkeit, sondern als Fähigkeit, zwischen Impuls und Handlung einen Moment bewusster Steuerung entstehen zu lassen. Wer sich Zeit nimmt, Gefühle nachträglich zu analysieren, lernt oft, welche Muster dahinterstecken. Häufige, heftige Gefühlsausbrüche können Hinweise auf tiefer liegende Themen sein; in solchen Fällen kann professionelle Unterstützung entlasten.

Kurz: Gefühle am Arbeitsplatz sind normal und oft hilfreich. Entscheidend ist, sie wahrzunehmen, zu benennen und Strategien zu entwickeln, die sowohl Authentizität als auch Handlungsfähigkeit bewahren.

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