Wenn Arbeit nicht reicht: Wie Langzeitarbeitslosigkeit Menschen an den Rand drängt
Langzeitarbeitslosigkeit ist kein Ruhestand, sondern tägliche Existenzsicherung
In Baden-Württemberg steigt die Zahl der Menschen, die seit mehr als einem Jahr ohne reguläre Anstellung sind. Hinter den nüchternen Statistiken stehen Alltagsschicksale wie das von Claudia Wanner: 52 Jahre alt, alleinerziehend und seit zwei Jahrzehnten ohne reguläre Beschäftigung. Um ihre Grundsicherung aufzubessern, arbeitet sie 20 Stunden pro Woche in einem sogenannten Ein-Euro-Job und erhält 1,50 Euro pro Stunde.
Die Summe mag gering erscheinen, doch sie zählt: «Die 30 Euro pro Woche finanzieren oft schon eine Fahrkarte», sagt Wanner. Sie ist bei der Neuen Arbeit engagiert, einem Sozialunternehmen, das Menschen mit Vermittlungshemmnissen begleitet. Trotz regelmäßiger Tätigkeit bleibt die Perspektive auf einen normalen Arbeitsmarktplatz für viele Betroffene verschlossen.
Die Agentur für Arbeit Baden-Württemberg verzeichnete Ende Juli, dass jede dritte arbeitslose Person im Land langzeitarbeitslos ist. Mehr als 90 000 Menschen fallen in diese Kategorie. Häufig betroffen sind Personen mit geringen Qualifikationen, gesundheitlichen Einschränkungen oder solche, die in Branchen umkämpfter Stellen suchen.
Martina Musati von der Arbeitsagentur beschreibt einen Teufelskreis: Bewerbungen werden verschickt, Einladungen zu Vorstellungsgesprächen bleiben aus, die Distanz zum Arbeitsmarkt wächst. Beratungs- und Förderangebote bestehen zwar, doch sie erreichen nicht immer die Menschen, die am stärksten gefährdet sind.
Aus der Unsichtbarkeit heraustreten
Um Vorurteile zu bekämpfen und Betroffenen Gehör zu verschaffen, hat Wanner gemeinsam mit anderen die Interessengemeinschaft Langzeitarbeitsloser IGELA gegründet. Die Initiative will zeigen, dass viele Menschen arbeiten wollen, aber an strukturellen Hürden scheitern. Gefordert werden niedrigschwellige Begegnungsräume mit Arbeitgebern, Gruppentermine bei Betrieben und ein stärkerer Fokus auf bezahlte, dauerhafte Arbeitsplätze.
Die Forderung ist einfach und grundlegend: ein Recht auf leistbare Arbeit für alle. Wanner und die IGELA appellieren an Unternehmen, Vorurteile zu überwinden und die Potenziale langzeitarbeitsloser Menschen ernsthaft zu prüfen. Für viele wäre das nicht nur ein Job, sondern die Chance zurück in gesellschaftliche Teilhabe.
Staatliche Stellen und soziale Träger stehen vor der Aufgabe, Übergänge in reguläre Beschäftigung zu verbessern, Förderangebote sichtbarer zu machen und Hindernisse wie lange Phasen von Krankheit oder fehlende Abschlüsse gezielter zu adressieren. Ohne solche Schritte bleibt Langzeitarbeitslosigkeit für viele ein Nagelbrett, nicht eine soziale Hängematte.