Bühne statt Offenheit: Warum radikale Authentizität am Arbeitsplatz riskant sein kann
Im Job ist Authentizität oft eine Rolle, keine Selbstverständlichkeit
Lüneburg/Köln — Im Büro zeigt sich ein anderes Ich als zuhause: Kolleginnen schweigen im Meeting, obwohl sie widersprechen möchten; Mitarbeitende übernehmen zusätzliche Aufgaben, obwohl sie ausgelaugt sind; Führungskräfte wirken gefasst, obwohl sie innerlich wütend sind. Solche Anpassungen sind selten reiner Inszenierung, sondern Ausdruck einer Balance zwischen persönlicher Integrität und beruflicher Professionalität.
Der Karrierecoach Rainer Niermeyer aus Köln formuliert es deutlich: «Radikale Authentizität vernichtet Karriere. Im Job geht es immer darum, in einer Rolle zu performen. Wer ins Büro kommt, nimmt die Rolle des Arbeitnehmers oder des Chefs ein.» Für Niermeyer sind Fragen wie Welche Erwartungen hat mein Arbeitgeber an mich? und Wie wirke ich dabei glaubwürdig? richtungsweisend für das Verhalten am Arbeitsplatz.
Vorrangig gegenüber uneingeschränkter Echtheit steht für viele Expertinnen und Experten die Wahrung von Professionalität. Dazu gehört Affektkontrolle: eigene Gefühle wahrnehmen, einordnen und so regulieren, dass Handlungen weiterhin konstruktiv und verlässlich sind. Nicht jede Emotion hilft in Meetings oder Mitarbeitergesprächen weiter; entscheidend ist, welche Reaktionen dem gemeinsamen Arbeitsziel dienen.
Wenn Rolle und Persönlichkeit kollidieren
Gleichzeitig betonen Fachleute, dass sich die Rolle am Arbeitsplatz mit der Persönlichkeit vertragen muss. Ein zu starkes Verstellen kann auf Dauer krank machen. Niermeyer warnt vor Warnsignalen wie chronischer Erschöpfung, Atemstörungen oder Schlafproblemen: «Wenn körperliche Reaktionen auftreten, ist es meist schon zu spät.»
Die Arbeitspsychologin Laura Venz von der Leuphana Universität Lüneburg verweist zudem auf den Einfluss des Umfelds: In Teams, in denen Widerspruch oder Fehler negativ bewertet werden, passen sich Menschen eher an, um soziale Risiken zu vermeiden. Das ist nicht per se Unehrlichkeit, sondern oft ein pragmisches Reagieren auf Rahmenbedingungen.
Praktische Wege zu mehr Balance
Wer authentisch sein möchte, ohne die berufliche Integrität zu gefährden, kann an konkreten Fähigkeiten arbeiten:
- Affektregulation üben: Emotionen benennen, kurz reflektieren, gezielt steuern.
- Grenzen kommunizieren: Ein klares, respektvolles Nein schützt vor Überlastung.
- Psychologische Sicherheit fördern: Im Team offen Fragen stellen, Fehler zugestehen und Vorschläge machen ohne Repressalien zu befürchten.
Venz betont, dass ein authentisches Nein nicht verletzend sein muss. Vielmehr geht es darum, die eigene Grenze sachlich zu benennen und zugleich die Situation des Gegenübers zu respektieren.
Wann ein Jobwechsel sinnvoll ist
Bleibt die Diskrepanz zwischen eigenen Werten und den Erwartungen des Arbeitgebers dauerhaft bestehen, sollten Beschäftigte zunächst prüfen, ob Veränderung innerhalb der Organisation möglich ist. Gibt es Teams oder Bereiche, die besser passen? Lässt sich die eigene Sichtweise einbringen? Erst wenn zentrale Überzeugungen systematisch untergraben werden und interne Anpassungen nicht möglich erscheinen, kann ein Wechsel eine vernünftige Option sein. Entscheidend bleibt, ob das nächste Arbeitsumfeld langfristig mit den eigenen Werten vereinbar ist.
Der Umgang mit Echtheit am Arbeitsplatz ist also weniger eine einfache Frage von Mut oder Charme als eine Folge von Rolle, Kontext und Sicherheit im Team. Wer diese Zusammenhänge kennt, kann gezielter entscheiden, wann er sich anpasst, wann er ehrlich ist und wann ein Wechsel sinnvoll wird.