Geteilte Flexibilität: Warum Homeoffice in Deutschland vor allem Gutverdienende erreicht
Homeoffice bleibt, doch Millionen Beschäftigte bleiben ausgeschlossen
Homeoffice hat sich auch nach wirtschaftlichen Turbulenzen als fester Baustein des Arbeitsmarkts etabliert. Rund jede fünfte Stellenanzeige in Deutschland nennt inzwischen zumindest teilweise mobiles Arbeiten als Option. Hinter dieser vermeintlichen Normalität verbergen sich jedoch tiefe Ungleichheiten: Vor allem gut qualifizierte und männerdominierte Berufe profitieren, während Pflege, Erziehung und andere frauendominierte Tätigkeiten meist außen vor bleiben.
Stabile Verbreitung trotz Krise
Eine Auswertung der Bertelsmann Stiftung auf Basis von rund 79 Millionen Online-Stellenanzeigen aus den Jahren 2019 bis 2025 zeigt ein klares Bild: Die Homeoffice-Quote liegt aktuell bei etwa 20 Prozent und hat sich seit 2024 auf diesem Niveau stabilisiert. Zum Vergleich: 2019 tauchte mobiles Arbeiten in nur 3,7 Prozent der Anzeigen auf. Arbeitsmarktexperte Gunvald Herdin zieht daraus die Schlussfolgerung, dass Homeoffice kein temporäres Phänomen ist, sondern dauerhaft Teil vieler Arbeitsverhältnisse bleibt.
Wer profitieren kann, hängt von Qualifikation und Branche ab
Die Verteilung ist ungleich. Je höher die Qualifikation, desto größer die Wahrscheinlichkeit für ein Homeoffice-Angebot: Bei Stellen für Expertinnen und Experten mit Masterabschluss liegt die Quote bei rund 35 Prozent, bei Fachkräften mit Bachelor oder vergleichbarer Ausbildung bei etwa 30 Prozent. Auf Helferniveau fällt der Wert hingegen auf nur rund vier Prozent. Das heißt: Gerade Beschäftigte mit geringeren Einkommen und weniger Freiheitsgraden haben seltener Zugang zu dieser Form der Flexibilität.
Gender und Sektor: Riesige Unterschiede
Besonders deutlich ist die Schieflage zwischen männer- und frauendominierten Berufen. In Berufen mit einem Männeranteil von über 70 Prozent sind Homeoffice-Angebote deutlich häufiger. IT- und Technikjobs bieten mobiles Arbeiten inzwischen oft als Standard an, während soziale Berufe, Pflege und Erziehung selten entsprechende Möglichkeiten nennen. Das trifft überwiegend Frauen: Erst auf Platz 14 eines Rankings erscheint eine klar frauendominierte Tätigkeit, die Steuerberatungsfachkraft.
Spitzenreiter und regionale Unterschiede
Die Toppositionen bei Homeoffice-Angeboten belegen Berufe aus der IT und Beratung. Beispiele aus der Auswertung zeigen hohe Quoten, etwa IT-Anwendungsberatung mit rund 68,5 Prozent, Steuerberatung mit 66,9 Prozent und Softwareentwicklung mit über 60 Prozent. Auch die Region spielt eine Rolle: In kreisfreien Großstädten sind Homeoffice-Angebote deutlich häufiger als auf dem Land. Als Spitzenreiter unter den Städten nennt die Auswertung Stuttgart mit rund 38 Prozent der Anzeigen, gefolgt von Düsseldorf und Frankfurt am Main.
Was das für Familien und Pflegende bedeutet
Für Eltern, Alleinerziehende und pflegende Angehörige ist ortsflexibles Arbeiten oft nicht nur Komfort, sondern eine Existenzfrage. Michaela Hermann von der Bertelsmann Stiftung beschreibt Homeoffice als wichtiges Vereinbarkeitsinstrument für Menschen mit Sorgeverantwortung. Sie warnt zugleich davor, die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten als alleinige Lösung für Gleichstellungsprobleme zu sehen: «Weder der Gender Care Gap noch der Gender Pay Gap verschwinden automatisch, wenn mehr Arbeit von zu Hause möglich ist.» Entscheidend sei, dass mobiles Arbeiten nicht mit Erwartung ständiger Erreichbarkeit verknüpft werde und dass in Bereichen wie Pflege und Erziehung ergänzende Modelle zur Zeitsouveränität entwickelt werden.
Fazit
Homeoffice ist in vielen Teilen der Arbeitswelt angekommen und hat sich auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten behauptet. Dennoch bleibt die Chance, mobil zu arbeiten, ein privilegiertes Angebot. Qualifikation, Branche, Geschlecht und Wohnort entscheiden maßgeblich darüber, ob Beschäftigte von Flexibilität profitieren oder außen vor bleiben. Damit die Vorteile von Homeoffice breiter wirksam werden, sind gezielte politische und betriebliche Maßnahmen notwendig, die über die Bereitstellung von Heimarbeitsplätzen hinausgehen.

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