Wenn Arbeit zur Inszenierung wird: Warum Fake Work im Homeoffice wächst
Arbeit wird zunehmend zur Inszenierung statt zur sichtbaren Leistung
Eine aktuelle Umfrage eines Online-Jobportals zeigt: Rund zwei Drittel der Büroangestellten geben an, sich produktiver zu zeigen, als sie tatsächlich sind. Der Organisationsberater Jakob Schrenk erklärt im Gespräch, wie der Wandel zur Wissensarbeit und das Arbeiten von zu Hause eine Kultur der vorgetäuschten Produktivität begünstigen.
Schrenk schildert, dass viele Angestellte zunehmend zu sichtbaren Ritualen greifen, um Arbeit nach außen zu dokumentieren. Dazu zählen das exzessive Füllen digitaler Kalender, unnötige Meetings, das laute Melden in Besprechungen oder das schnelle Antworten auf Mails, allein um Präsenz zu signalisieren. Die Folge ist ein doppelter Zeitaufwand: Einerseits für echte Aufgaben, andererseits für das Inszenieren der eigenen Leistung.
Ein zentraler Treiber ist für ihn der Strukturwandel der Arbeitswelt. Immer mehr Menschen leisten Wissensarbeit am Bildschirm; greifbare, physische Ergebnisse fehlen. Das verstärkt das Bedürfnis, Arbeit sichtbar zu machen: vor sich selbst, vor Kolleginnen und Kollegen und vor Vorgesetzten. Das Homeoffice verschärft diesen Effekt noch, weil nicht nur das Werk, sondern auch die Person unsichtbar wird.
- Leistungsdruck und Unsicherheit: Wer nicht genau weiß, was erwartet wird, neigt eher zu demonstrativen Tätigkeiten.
- Misstrauen der Führung: Je mehr Heimarbeit, desto häufiger steigt laut Umfragen das Kontrollbedürfnis der Chefs, was Mikromanagement fördert.
- Gender-Effekt: Schrenk weist darauf hin, dass Menschen, die weniger zur Selbstdarstellung neigen, etwa viele Frauen, im Sichtbarkeitswettbewerb benachteiligt werden können.
Das Problem wird zur Spirale: Misstrauen führt zu Kontrolle, Kontrolle fördert Produktivitätsdarstellerei, und die eigentliche Arbeitsleistung leidet darunter. Schrenk rät deshalb zu pragmatischen Anpassungen statt großer Rekonstruktionen: Vorgesetzte sollten überprüfen, wo Kontrolle überzogen ist, klare Erwartungen kommunizieren und Unsicherheiten reduzieren.
Konkrete Maßnahmen, die Schrenk nennt, sind unter anderem weniger besetzte Meetings mit Vorgesetzten, damit Selbstdarstellung entfällt, sowie klare Zielvereinbarungen, die messbare Ergebnisse statt sichtbarer Rituale in den Mittelpunkt stellen. Ebenso hilfreich sei eine Meetingkultur, die gezielt sichere Räume schafft, damit unterschiedliche Stimmen, auch von Frauen, gehört werden.
Das Gespräch macht deutlich: Fake Work ist kein individuelles Versagen allein, sondern ein Symptom veränderter Arbeitsbedingungen. Lösungen liegen sowohl in mehr Vertrauen und klareren Vorgaben durch Führungskräfte als auch in kleinen organisatorischen Anpassungen, die echte Arbeit wieder sichtbar und anerkennbar machen.
Interview geführt von Claudia Deeg. Beitrag erschienen beim Südwestrundfunk; Stand der Umfrage und des Interviews: April 2026. Thema und Beobachtungen betreffen vor allem die Arbeit in Deutschland.

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