Digitale Flexibilität, reale Ungleichheit: Home Office bevorzugt Männerberufe
Home Office bleibt, verteilt aber Chancen ungleich
Die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, hat sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt etabliert. Eine aktuelle Auswertung der Bertelsmann Stiftung zeigt: Rund 20 Prozent aller Online-Stellenanzeigen enthalten weiterhin Home-Office-Optionen. Zugleich offenbart die Untersuchung eine deutliche Schieflage zwischen Branchen und Geschlechtern.
Während vor der Pandemie nur 3,7 Prozent der Jobs Home-Office boten, stieg der Anteil bis 2024 auf etwa 20 Prozent und verharrt seitdem auf diesem Niveau. Nach Bundesländern bieten Jobs in Stuttgart überdurchschnittlich häufig mobile Arbeitsformen an, doch der Trend ist bundesweit zu beobachten. Laut ifo-Konjunkturumfrage arbeiten inzwischen circa 24,3 Prozent aller Beschäftigten zumindest teilweise im Home Office.
Ungleiche Verteilung nach Branchen
Die Verteilung ist jedoch ungleich: In der IT-Branche sind etwa 69 Prozent der Stellen mit Home-Office-Option versehen. Diese Branchen gelten überwiegend als männerdominiert. Frauendominierte Berufe wie Pflegefachkräfte, Lehrkräfte oder Erzieherinnen und Erzieher sind hingegen überwiegend auf Präsenzarbeit angewiesen und weisen deutlich seltener mobile Arbeitsformen auf. In der Rangliste taucht die erste frauendominierte Tätigkeit, Steuerberatungsfachkraft, erst auf Platz 14 auf.
- Nur rund 13 Prozent der frauendominierten Berufe bieten Home-Office an.
- Bei Berufen mit Studienabschluss haben nur 22 Prozent der frauendominierten Tätigkeiten Home-Office-Optionen, in männerdominierten Bereichen sind es fast 46 Prozent.
Konsequenzen für Care-Arbeit und Alleinerziehende
Die Verteilung hat weitreichende soziale Folgen: Für Eltern und insbesondere Alleinerziehende ist ortsflexibles Arbeiten oft entscheidend. 2024 waren 85 Prozent der Alleinerziehenden Frauen. Die Arbeitsmarktexpertin Michaela Hermann fordert deshalb gezielte Rahmenbedingungen für mehr Zeitflexibilität gerade in Berufen mit viel sozialer Interaktion.
Der Arbeitsmarktexperte Gunvald Herdin kommentiert die Entwicklung nüchtern: Wer davon ausgegangen sei, wirtschaftliche Turbulenzen würden den Bürorückkehrtrend beschleunigen, habe sich getäuscht. Home Office habe sich als dauerhafte Option etabliert, komme aber bislang vor allem jenen zugute, die bereits in akademisch geprägten und männlich dominierten Branchen arbeiten.
Was Unternehmen und Politik tun können
Die Expertinnen und Experten plädieren dafür, Mobilitäts- und Zeitmodelle branchenübergreifend zu fördern, um Vereinbarkeit von Beruf und Care-Aufgaben zu verbessern. Das kann bedeuten, Tätigkeiten zu analysieren, die trotz physischer Präsenzanforderung mehr zeitliche Flexibilität ermöglichen, sowie Weiterbildungs- und Digitalisierungsmaßnahmen gezielt auszubauen.
Die Debatte um Home Office ist damit nicht nur eine Frage moderner Arbeitskultur, sondern auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit in Deutschland.
Stuttgart als Beispielregion wird in der Studie als besonders häufiges Angebot für Home-Office-Positionen genannt

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