Ausgebrannt und hochqualifiziert: Warum immer mehr Spitzenkräfte ihre Karriere infrage stellen
Erschöpfung und Sinnverlust drängen selbst Top-Expertinnen und -Experten zum Ausstieg
Köln. Christiane von Berg hat einen Lebenslauf, der nach beruflichem Vorwärtsdrang klingt: PhD am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, Jahre als Ökonomin in der Bankbranche, seit drei Jahren Chefvolkswirtin bei einem großen Exportkreditversicherer und regelmäßige Kommentatorin für NTV. Trotzdem hat die 39-Jährige Ende 2025 die Kündigung eingereicht – ohne einen Anschlussjob in der Tasche.
Die Entscheidung sei kein kurzer Gefühlsausbruch gewesen, sagt von Berg. Trotz spannender Aufgaben und kollegialer Atmosphäre habe sich über anderthalb Jahre eine zunehmende Abstumpfung eingestellt. Wo früher jedes Detail der Märkte Aufregung auslöste, bleibt jetzt nur noch Ermüdung. «Die Zinsen der französischen Staatsanleihen sind sehr hoch – das wäre früher ein großes Ding für mich gewesen», sagt sie. Heute sieht sie darin einen weiteren Punkt auf einer Liste, die nicht kürzer wird.
Von Berg ist kein Einzelfall. Immer mehr hochqualifizierte Beschäftigte denken laut Umfragen über einen beruflichen Neustart nach; viele trauen sich dennoch nicht, den Schritt wirklich zu gehen. Drei Managerinnen und Manager berichten in Gesprächen von unbezahlbaren Erfahrungen, von Entlastung nach bewusst gewählten Auszeiten und von der Unsicherheit, die ein unvermittelter Abschied mit sich bringt. Eine von ihnen schildert zudem eine böse Überraschung, als sie nach der Kündigung mit administrativen Hürden konfrontiert wurde, die sie nicht erwartet hatte.
Warum der Abschied riskant und zugleich befreiend sein kann
Die Motive reichen von Erschöpfung über Sinnzweifel bis zu dem Wunsch nach Neuorientierung. Für viele steht die Frage im Vordergrund, ob die berufliche Identität noch mit persönlicher Zufriedenheit einhergeht. Finanzielle Absicherung, berufliche Reputation und der moralische Druck, Verantwortung zu übernehmen, erschweren die Entscheidung zusätzlich.
Für Arbeitgeber ergeben sich daraus zwei Herausforderungen: Zum einen die Notwendigkeit, Belastungsanzeigen ernst zu nehmen und Arbeitsbedingungen zu verbessern; zum anderen die Chance, Talente durch gezielte Angebote wie Sabbaticals, Beratung oder interne Neuorientierung zu halten.
Christiane von Berg beschreibt ihren Schritt als experimentellen Bruch: kein Ausstieg aus der Verantwortung, sondern eine gezielte Pause, um die eigene Motivation neu zu ordnen. Was für sie jetzt zählt, ist nicht allein die Rückkehr in einen ähnlichen Job, sondern die Frage, welcher Beitrag ihr langfristig Sinn gibt.
Die Debatte bleibt aktuell: Immer mehr Beschäftigte denken an einen Bruch mit der bisherigen Laufbahn, doch der konkrete Sprung ins Ungewisse bleibt für die meisten ein Tabu. Arbeitgeber, Politik und Beratungsangebote stehen in der Pflicht, diesen Prozess sicherer und planbarer zu machen.

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